herbert SAX baerlocher - „ORIENT - OKZIDENT” - atelierausstellung - farbbilder und tuschemalerei

 


 


 

Einführungsrede zur Ausstellungseröffnung mit Gemälden von Herbert SAX Baerlocher

bei „Kunst im Treppenturm“, Dienstag, den 4. April 2017, 17:30 Uhr

 

 

Sehr geehrter Herr Distler,

Herr Baerlocher,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

in der Tat liest sich die Biographie von Herbert SAX Baerlocher sehr eindrucksvoll. In Luzern geboren und in Basel aufgewachsen, studierte Baerlocher nach seinem Abitur, als Enkel einer Galeristin von Kindheit an mit bildender Kunst und Musik infiltriert, Kunstgeschichte und Literatur an den Universitäten von Bern und Florenz. Er zog mit der damals berühmten Psychedelic-Band „Guru Guru“ durch die Lande und ließ sich anfangs der 70er Jahre in Berlin nieder, wo er unter dem Eindruck seelischer Erlebnisse begann, selbst bildkünstlerisch tätig zu werden. Es entstanden spontane Zeichnungen, mit denen der Künstler inneren Zugang zu sich selbst zu finden suchte. Dabei entdeckte Herbert SAX Baerlocher für sich die Philosophie des Fernen Ostens. Sein Interesse an diesen Weisheitslehren ging so weit, daß er beschloß, nach Kyōto zu ziehen, um den Zen-Buddhismus und seine Malerei zu studieren. Er blieb in Japan für ganze 27 Jahre. Während dieser Zeit ging er bei Susumu Hiromoto in die Schule und ließ er sich in einer Technik unterweisen, die für einen westlichen Künstler nur sehr schwer zu erlernen ist: nämlich in die Technik der Zen-buddhistischen Tuschmalerei.

Was aber ist das eigentlich: Zen-Malerei? Nun, das ist mit wenigen Worten gar nicht so einfach zu erklären. Zunächst muß man wissen, daß die Zen-Kunst bis ins 12. Jh. zurückreicht. Dabei handelt es sich um eine in China und in Japan entwickelte monochrome Tuschmalerei, bei der motivische wie gestalterische Einfachheit, pinselrhythmische Spontaneität, kompositionsästhetische Asymmetrie und das bewusste Offenlassen unbehandelt gebliebener Leerflächen die wichtigsten Stilmerkmale sind. Das Weiß des Papieres trägt entscheidend zur konzentrierten Wahrnehmung der Motive bei. Die Themen der Zen-Malerei waren anfangs noch gegenständlich gebunden und zeigten auf einfachste Formen zurückgeführte Landschaften, Tier- und Menschendarstellungen. Ab dem 17. Jh., also gute 300 Jahre früher als in Europa, gelangte die Zen-Malerei unter dem Einfluß des Taoismus als Ausdruck innerer Bescheidenheit allmählich zur Abstraktion. Dabei bestimmten Dreiecke, Kreisformen und Rechtecke zunehmend die gestalterischen Mittel, die sich als kosmische Urformen ab dem späten 18. / frühen 19. Jh. als Anschauungsobjekte der Meditation zu autonomen Bildmotiven verselbständigten.

Anders als bei der Abstraktion in Europa, die in erster Linie nach neuen Wegen des gestalterischen Ausdrucks suchte, handelt es sich bei der abstrakten Zen-Malerei um eine Übung der Selbstbescheidung und der Kontemplation. Die Meister des Zen waren (und sind bis heute) buddhistische oder taoistische Mönche, die sich keineswegs als „Künstler“ verstehen, sondern als Priester und Lehrmeister, die mit ihren Bildern Meditationsobjekte für sich selbst und für ihre Schüler schaffen. Wir haben uns das ungefähr so vorzustellen, daß der Zen-Maler sich in einen abgeschiedenen Raum zurückzieht, in greifbarer Nähe nichts Anderes als einen Bambuspinsel, schwarze Tusche und ein weißes Blatt Papier. Nach einiger Zeit der meditativen Versunkenheit beginnt er, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Dabei greift er noch lange nicht zum Pinsel, sondern macht er sich zunächst innerlich „leer“, um zu seinen tiefsten, gedanklich nicht fassbaren Seinsebenen vorzudringen. Der Zen-Maler schafft seine Werke nicht nach der sichtbaren Wirklichkeit, sondern aus seinen eigenen energetischen Strömen heraus, die er im Zustand der Meditation wahrnimmt. Es geht in der Zen-Malerei darum, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Erst am Ende dieser auf Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung ausgerichteten Übung greift der Maler schließlich zum Pinsel und bringt er zu Papier, dann allerdings binnen kürzester Zeit mit festen und bestimmten Zügen, was er zuvor im Einklang mit sich selbst kontemplativ wahrgenommen hat. In diesem Sinne versteht sich die Zen-Malerei als visualisierte Transformation der Tiefenschichten des Ich.

So in etwa müssen wir uns auch die Arbeitsweise von Herbert SAX Baerlocher vorstellen, wenn er seine schwarzweißen Tuschbilder schafft, die Sie hier rechts an der Längswand unserer Ausstellungsfläche zu sehen bekommen. Diese Tuschmalereien sind, wie eben beschrieben, im Zustand innerer Harmonie geschaffene Werke des Selbstausdrucks und weisen ganz ähnliche Stilmerkmale auf, wie ich sie eben im Zusammenhang mit der Kunst des Zen vorgestellt habe: von gegenständlichen Bedeutungszusammenhängen befreite einfache Formen, zügig auf die Bildfläche gebracht, bei asymmetrischer Komposition mit viel Weiß des Papieres, das als leer gebliebene Fläche den Blick des Betrachters auf die rhythmisch ausgeführten Pinselbewegungen konzentriert. Die Tuschbilder von Herbert SAX Baerlocher sind das Resultat der inneren Einkehr des Künstlers und Meditationshilfe für den Betrachter zugleich. Sie stellen nichts anderes dar als das, was sie sind: mit schwarzer Tusche auf weißen Grund gebrachte Bewegungen, die im Sinne einer seismographischen Entladung der Seele des Künstlers und seiner inneren Befindlichkeiten ein gestalterisches Eigenleben entfalten. Die Dichotomie von Yin und Yan spielt dabei eine Rolle, der Ausgleich der Gegensätze: Schwarz und Weiß, leicht-fließend und statisch, flüssig und trocken usw. – das Alles besonnen und ohne selbstgefällige Exaltationen kompositionsästhetisch in Einklang gebracht und so, daß am Ende ein in sich geschlossenes, harmonisches Ganzes entsteht.

In scheinbarem Gegensatz dazu verhalten sich die an der Stirnseite dieser Ausstellung gezeigten Ölbilder des Künstlers, die teils mit dem Pinsel, teils mit dem Spachtel in kräftigen Farben auf Leinwand geschaffen wurden. Doch sind diese Gemälde, von ihrer Buntheit abgesehen, tatsächlich so viel anders als die Tuschbilder auf Papier? Bei genauerem Hinsehen begegnen wir auch hier den charakteristischen Wesensmerkmalen der Zen-Malerei: Der Vermeidung symmetrischer Bildaufbauten, einer zügig, doch stringent aufgetragenen Pinselführung und der Konzentration auf einfache, von gegenständlichen Bedeutungszusammenhängen befreite Formen, die jetzt allerdings mit leuchtenden Farben in ausdrucksstarken Kontrasten wiedergegeben werden.

Dabei nehmen die abstrakt gestalteten Kompositionen mit ihren Kreisen, Dreiecken und Quadraten, mit ihren manchmal als breit gelagerte Rechtecke wiedergegebenen, manchmal kurvig geschwungenen Farbfeldern bisweilen anthropomorphe Strukturen an: Es gibt ein energetisches Zentrum, das wir als eine Art Kopf wahrnehmen, darunter einen Rumpf mit Armen und Beinen, manchmal mit flügelartigen Schwingen. Ohne tatsächlich an menschliche Körperformen zu denken, ergeben sich für Herbert SAX Baerlocher solche figürliche Strukturen während des Malens beinahe von selbst. Dabei entfalten die einzelnen Bildelemente ein dialogisches Miteinander und fügen sich am Ende des Malprozesses zu einer formfarblich in sich stimmigen, kompositionsästhetisch ausgewogenen Gesamtheit zusammen.

Interessant ist das arbeitsmethodische Vorgehen des Künstlers (und darin unterscheiden sich seine Werke deutlich von den Hervorbringungen des Abstrakten in der Kunst des Westens): Herbert SAX Baerlocher bereitet seine Bilder nämlich grundsätzlich nicht vor. Es gibt keine Vorzeichnungen oder Studien, auch arbeitet er nicht in Serien, bei denen sich ein Gemälde als systematische Weiterentwicklung aus einem anderen ergibt, sondern Baerlocher schafft seine Bilder wie ein Zen-Maler intuitiv und geleitet von den Stimmungen des Augenblicks aus sich selbst heraus. Er tut dies nach Möglichkeit in einem Arbeitsgang und ohne zeitliche Unterbrechung. In diesem Sinne handelt es sich bei den Ölgemälden des Künstlers ebenso wie bei seinen Tuschebildern um eine Malerei „alla prima“ par excellence. Es ist eine reine, offene und unverbrauchte Ausdruckssprache, die Herbert SAX Baerlocher sucht, im Zustand kontemplativer Entspanntheit als solitäre Einzelwerke aus den innersten Tiefenschichten des Ich ans Licht gebracht, ohne alchemistischen Schnickschnack und ohne oberflächliche Show-Effekte. Das macht diese Arbeiten so authentisch, das macht sie so originell und das macht sie als meditative Anschauungsobjekte ebenso wie als Katalysatoren der Introspektion für den Betrachter so interessant.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, eine spannende Begegnung mit dem Künstler und seinen Werken und der Ausstellung einen guten Erfolg.

 

© 2017  Dr. Matthias Liebel, Bamberg

Sehr geehrter Herr Distler,

Herr Baerlocher,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

 

 

HERBERT SAX BAERLOCHER
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D-95490 MISTELGAU-OBERNSEES
0049 (0)151 2678 0624

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